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Die AGF e.V. trauert um verdienten Mitarbeiter des Getreide-Ausschusses und des Ausschusses für Getreidechemie

Professor Dr. Wilhelm Jahn ist am 24. April 2012 im Alter von 82 Jahren verstorben.

Nachruf:

Wilhelm Jahn wurde am 16. Juli 1929 im thüringischen Deesbach geboren. Dort besuchte er von 1936 – 1940 die Grundschule und setzte seine Schulausbildung von 1940 – 1946 im Nachbarort Oberweißbach fort. Daran anschließend ging er auf das Gymnasium in Rudolstadt, an dem er im Jahr 1948 das Abitur ablegte. Im gleichen Jahr begann Wilhelm Jahn in der Landwirtschaftsschule Unterkäditz (Thüringen) eine Ausbildung zum Landwirtschaftsgehilfen, die er bereits im Jahre 1949 mit der Gehilfenprüfung erfolgreich beendete. Seinen Interessen für Natur und Landwirtschaft folgend, nahm Wilhelm Jahn im Jahr 1949 das Studium der Landwirtschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena auf, das er im Jahr 1952 mit dem Titel des Diplom-Landwirts erfolgreich beendete.

Unmittelbar nach Beendigung des Landwirtschaftsstudiums begann Wilhelm Jahn ein zweijähriges Zusatzstudium der Chemie, das er von 1952 bis 1954 ebenfalls in Jena absolvierte. Er widmete sich hierbei insbesondere dem Studium der Physikalischen, der Analytischen und der Physiologischen Chemie. Mit diesem Zusatzstudium erwarb er sich wichtige Grundlagenkenntnisse, die für das Verständnis der biochemischen Prozesse in Boden und Pflanze nützlich waren und auf die er später immer wieder zurückgreifen konnte.

Ab 1954 nahm Wilhelm Jahn eine wissenschaftliche Tätigkeit am Landwirtschaftlich-Chemischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena auf und wurde Doktorand bei Prof. MICHAEL. Bereits zwei Jahre später, im Jahr 1956, wurde er zum Dr. agr. promoviert. Die von ihm verfasste Dissertationsschrift hatte den Titel „Untersuchungen über den Bindungszustand der Phosphorsäure in einigen europäischen Schwarzerdeböden“. Im Rahmen seiner Promotionsarbeit untersuchte er die Bodenhorizonte von 7 europäischen Schwarzerdeböden aus Deutschland, der damaligen Tschechoslowakei und der Ukraine. Darüber hinaus nahm er eine fundierte Charakterisierung des Phosphors und seiner organischen und anorganisch gebundenen Anteile im Boden vor.

Im Jahr 1956 wechselte Wilhelm Jahn an die Humboldt-Universität Berlin, wo er die Stelle eines Oberassistenten am Institut für Acker- und Pflanzenbau annahm. In Berlin legte er den Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit auf die Arbeit mit Dauerversuchen. So hatte er die Gelegenheit, die bereits damals seit mehr als 20 Jahren laufenden Dauerfeldversuche in der Versuchsstation Thyrow zu betreuen und auszuwerten. Die Ergebnisse flossen ein in die Habilitationsschrift, die Wilhelm Jahn im Jahr 1960 an der HU Berlin einreichte. Die Habilitationsschrift hatte den Titel: „Der Einfluss unterschiedlicher Düngung auf Boden und Pflanze in den mehr als zwanzigjährigen Dauerversuchen auf diluvialem Sande in Thyrow bei Berlin.“

Das Jahr 1961 war für Wilhelm Jahn ein sehr bedeutsames Jahr in seiner beruflichen Entwicklung, denn er siedelte von Ost-Berlin nach Westdeutschland über. Sein Weg führte ihn damals an die Justus-Liebig-Universität Gießen, wo er im Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung I unter der damaligen Leitung von Prof. Eduard von Boguslawski eine Dozentur erhielt.

Herr Jahn hatte das Glück, als er im Jahr 1961 nach Gießen kam, die Einführung des neuen Studiengangs Haushalts- und Ernährungswissenschaften mit zu erleben und mit gestalten zu können. So hat er sich als Agrarwissenschaftler von Anfang an in die Ausbildung der Studenten der Ernährungswissenschaften mit eingebracht. Er hat neben den Hauptvorlesungen für Agrarwissenschaften im Fach Spezieller Pflanzenbau auch das Fach Grundlagen der Nahrungserzeugung für den Studiengang „Haushalts- und Ernährungswissenschaften“ angeboten. Darüber hinaus wurden von ihm Vorlesungen, Seminare und Übungen zu Untersuchungsmethoden sowie zur Qualität pflanzlicher Nahrungsrohstoffe angeboten, die bei den Studenten eine große Resonanz fanden. Ausdruck seines Engagements in der Lehre sind u. a. die mehr als 140 Diplomarbeiten (je zur Hälfte in den Agrar- und in den Ernährungswissenschaften), die er als Hochschullehrer betreute.

Herr Jahn legte großen Wert auf einen engen Praxisbezug des Studiums. Aus diesem Grund organisierte er zahlreiche Fachexkursionen zu Verarbeitungsbetrieben der Zucker- und Getreidewirtschaft. Sehr attraktiv und informativ waren dabei auch die großen Fachexkursionen, bei denen die Studenten die Landnutzung und Agrarwirtschaft in anderen Regionen Europas kennen lernen konnten.

Hervorzuheben ist auch das Engagement von Herrn Jahn in die Selbstverwaltung der Universität. So hat er den damaligen Fachbereich für Angewandte Biologie und Umweltsicherung der Justus-Liebig-Universität Gießen als Dekan geleitet.
Die Forschungsarbeiten von Wilhelm Jahn waren außerordentlich vielfältig. In den 1950er Jahren befasste er sich vor allem mit bodenkundlichen und agrikulturchemischen Fragestellungen. Daneben standen bereits damals der Anbau und die Qualität verschiedener Kulturpflanzen, wie Hopfen, Zuckerrübe und Futterrübe im Mittelpunkt des Interesses.

In den 1960er Jahren entwickelte er in Gießen den Forschungsschwerpunkt „Getreidequalität“. Hierbei befasste er sich u. a. mit dem ernährungsphysiologischen Wert von Weizen. Er untersuchte den Einfluss unterschiedlicher Faktoren wie Klima, Boden, Sorten, Keimungsverlauf, Reifestadium und N-Düngung auf die Weizenqualität. Daneben befasste er sich auch mit müllerei- und bäckereitechnologischen Eigenschaften des Weizens sowie mit der Eignung von Weizensorten für die Herstellung von Vollkornbackwaren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren Gegenstand mehrerer Dissertationen, die er betreute.

Viele dieser Arbeiten wurden in Kooperation mit der damaligen Bundesforschungsanstalt für Getreide, Kartoffel- und Fettforschung in Detmold, dem heutigen Max-Rubner-Institut, Institut für Sicherheit und Qualität bei Getreide, durchgeführt. Die Mitgliedschaft im Getreideausschuss (seit 1977) und im Ausschuss für Getreidechemie (seit 1989) der AG Getreideforschung in Detmold haben ihm viele Anregungen für die Qualitätsforschung mit Getreide gegeben. Hier waren es vor allem praxisbezogene Aspekte aus der Getreidewirtschaft, die er in seine eigene Forschung inkorporierte und für die er seine Studenten und Studentinnen sensibilisierte. Umgekehrt war er es, der so manche Tagung auf dem Schützenberg in Detmold durch sein enorm fundiertes Wissen in Pflanzenbau und Getreidechemie bereicherte und der so manche Höhenflüge in den Vorstellungen zur Getreidequalität auf den Boden des tatsächlich praktisch Machbaren zurückbrachte. Dabei kam Prof. Jahn im wissenschaftlichen Disput seine begnadete Fähigkeit zunutze, auch komplexe Sachverhalte einfach und verständlich zu erklären und in uneitler, bescheidener Art innovative Wege aufzuweisen.
Sehr beachtlich ist die große Vielfalt der Themen und Kulturpflanzen, die Herr Jahn forschungsmäßig bearbeitet hat. So wurden neben den Arbeiten mit Weizen bzw. Getreide auch Dissertationen und wissenschaftliche Publikationen mit den Kulturpflanzen Buchweizen, Mais, Hanf, Kartoffeln, Lupinen, Raps, Zottelwicke, Weidelgras sowie mit den Gemüse-pflanzen Wirsingkohl und Spinat angefertigt. Selbst Gehölze, wie z. B. Weiden, Pappeln und Schwarze Johannisbeeren, wurden unter dem Gesichtspunkt ihrer Eignung als Verbiss-Gehölze (für die Wildäsung) untersucht. Mit den letztgenannten Arbeiten hat Herr Jahn sein Hobby, die Tätigkeit als Waidmann, sehr eng mit dem Beruf verknüpft und der Wissenschaft zugänglich gemacht.

Herr Jahn hat in der Forschung auch sehr langfristig gedacht und Versuche konzipiert, die über viele Jahre wertvolle Aussagen und Ergebnisse lieferten. Dazu zählen die in den 1980er Jahren angelegten Bodenbearbeitungsversuche, in denen der Einfluss unterschiedlicher Intensität der Bodenbearbeitung auf physikalische und chemische Merkmale des Bodens sowie auf den Ertrag der Kulturpflanzen verglichen wurde. Daneben wurde von ihm im Jahr 1982 in der Versuchsstation Gießen ein Dauerversuch angelegt, in dem die Wirkung der biologischen N-Fixierung durch Leguminosen untersucht wird. Alle von Wilhelm Jahn angelegten Dauerversuche existieren heute noch und sind nach wie vor in einer Zeit des begonnenen Klimawandels sehr aktuell. Denn sie liefern wichtige Informationen über die C- und N-Dynamik bzw. über die CO2-Fixierung im Boden.

Die umfangreiche Forschungstätigkeit von Wilhelm Jahn kommt zum Ausdruck in mehr als 40 Dissertationen und in mehr als 120 wissenschaftlichen Publikationen, die unter seiner Leitung angefertigt wurden.

Herr Jahn hat für seine Verdienste in Forschung und Lehre verschiedene Ehrungen erhalten. Besonders hervorzuheben ist die Verleihung der Theodor-Roemer-Medaille, die ihm im Jahr 1991 für seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Getreideforschung verliehen wurde.

Wilhelm Jahn war auch nach Beginn des Ruhestandes, im Jahr 1994, beruflich außerordentlich aktiv. So befasste er sich sehr intensiv mit der Züchtung von sog. Gelbweizen, der sich durch höhere Carotinoid-Gehalte in den Samen auszeichnet. Der Erfolg dieser Züchtungsarbeit ist sichtbar in der Zulassung von mehreren Gelbweizen-Sorten, die sich für die Gewinnung von Spezial-Mehlen eignen. Noch in seinem letzten Lebensjahr hat er, trotz nachlassender körperlicher Verfassung, sich um die Selektion und Saatgut-Vermehrung seiner Sorten gekümmert.

Professor Jahn war ein anerkannter akademischer Lehrer und engagierter Forscher, der der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Institut hervorragende Dienste leistete. Das Institut für Pflanzenbau & Pflanzenzüchtung der Universität Gießen, das Max Rubner-Institut sowie die Arbeitsgemeinschaft e.V. in Detmold werden Wilhelm Jahn in ehrendem Andenken bewahren.

 Prof. Dr. habil. Bernd Honermeier und Prof. Dr. Meinolf G. Lindhauer

prof.-dr-jahn
Prof. Dr. Wilhelm Jahn *1929 † 2012

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