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Detmolder Erntegespräch 2011

Die Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e.V. veranstaltete am 15. September 2011 in Detmold auf dem Schützenberg das jährliche Erntegespräch. 184 Besucher aus Belgien, Italien, Luxemburg, Österreich, Schweiz und Deutschland verfolgten die Berichte über die ersten Erfahrungen mit der neuen Ernte. Begleitet wurde das Detmolder Erntegespräch, welches im Anschluss an die 62. Tagung für Müllerei-Technologie stattfand, durch eine umfangreiche Maschinen- und Geräteausstellung, für die sich 35 Firmen angemeldet hatten.

Nach der Eröffnung der Tagung durch den Vize-Präsidenten der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e.V. Prof. Dr. Meinolf G. Lindhauer (MRI Detmold), der auch die gesamte Verastaltung moderierte, begann die Tagungsveranstaltung mit den Vorträgen zur aktuellen Erntesitutation.

Dr. Martin FarackDr. Martin Farack (Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, Dornburg) berichtete über die Weizen- und Roggenernte 2011 aus Sicht der Landwirtschaft. Er stellte zum einen die voraussichtlichen Erntemengen dar und ging auch auf die Anbauflächenentwicklung ein. Dr. Farack erläuterte, dass für alle Getreidearten die Wachstumsbedingungen ungünstig waren, beginnend von der Aussaat bis zur Ernte. So verzögerte die späte und nasse Ernte 2010 bereits die Herbstaussaaten wegen der meist schlechten Bodenbedingungen. Ein trockener, aber zu kalter Oktober bremste die Jugendentwicklung, sodass viele Bestände, oft nur unzureichend entwickelt, bereits Ende November mit Schnee bedeckt in den Winter gingen. Auswinterungsschäden traten nur vereinzelt auf. Die Monate März, April und Mai waren zu warm und zu trocken. Hier zeigten sich auf wenig speicherfähigen Böden Trockenschäden. Auf Sandböden führten diese z.T. bis zum Totalausfall, während auf den guten, speicherfähigen Böden die Bestandesdichte um ca. 100 Ähren/m² reduziert wurde. Der Befall mit Blattkrankheiten war in dieser Zeit sehr gering. Erst im Juni und Juli fielen überdurchschnittliche Niederschläge, die aber die Trockenschäden nicht mehr ausgleichen konnten. Die Niederschläge im Juli und August hatten insbesondere in den dünnen Beständen eine Spätverunkrautung sowie Zwiewuchs zur Folge und behinderten z. T. sehr stark die Erntearbeiten. So regnete es in Thüringen im Monat Juli an 10 bis 13 Tagen und im August an 8 bis 13 Tagen. Noch stärker beeinträchtigten die Niederschläge die Ernte in Norddeutschland. Hier stand das Getreide vielerorts oft im Wasser, was ein Befahren der Flächen verminderte. Die witterungsbedingten Ernteverluste reichten hier wegen nicht Erntbarkeit bis zum Totalausfall. Auswuchs und Qualitätseinbußen hatten zur Folge, dass oft nur noch Futtergetreide geborgen werden konnte.

Prof. Dr. Meinolf G. Lindhauer und Dipl.-Ing. Günter Unbehend stellten anschließend den Verarbeitungswert der neu zugelassenen Weizen- und Roggensorten vor.

Prof. Dr. Meinolf LindhauerProf. Dr. Meinolf Lindhauer (MRI, Detmold) führte aus, dass sich in der Beschreibenden Sortenliste 2011 des Bundessortenamtes acht Winterweizensorten und eine Sommerweizensorte, die seit dem Bericht 2010 neu aufgenommen worden sind, finden. Damit enthält die Sortenliste Weichweizen zur Zeit 131 Sorten, davon 109 Winterweizen und 22 Sommerformen. Mit den Sorten Nelson und Norin gibt es zwei neue Varietäten in der Backqualitätsgruppe E, Kometus und Opal vermehren die Zahl der A-Weizen, Egoist, Tobak und Colonia die der B- und Xantippe die der C-Weizen.  Mit Sonett ist eine neue E-Sommerweizensorte eingetragen worden. Dr. Lindhauer erläuterte in seinem Vortrag neben agronomischen Aspekten, wie z.B. Krankheitsanfälligkeit und Kornertrag, auch die müllereitechnologischen und analytischen Kenndaten der neu zugelassenen Weizensorten.

Dipl.-Ing. Günter UnbehendÜber den Verarbeitungswert neu zugelassener Roggensorten sprach Dipl.-Ing.Günter Unbehend (MRI, Detmold). In die Beschreibenden Sortenliste 2011 wurden zwei neu gezüchtete Winterroggensorten im August 2011 nachträglich nach Bestehen der Registerprüfung aufgenommen. Gelöscht wurden die Winterroggensorten Caroass (zugelassen seit 2002) und Danko (zugelassen seit 1980) sowie die Sommerroggensorte Sorom (zugelassen seit 1980). Damit enthält die Beschreibende Sortenliste des Bundessortenamtes 35 Winterroggensorten, 2 Sommerroggensorten und mit den Neuzulassungen Bernburger Futterroggen und Speedogreen acht für die Grünnutzung bestimmte Winterroggensorten. Neu zugelassen wurden in diesem Jahr die Hybridroggen SU Mephisto und SU Allawi. Mit der Sorte SU Mephisto konnte in der Resistenz gegen Mehltau Fortschritte erzielt und mit der Sorte SU Allawi eine verbesserte Widerstandsfähigkeit gegenüber der Pflanzenkrankheit Braunrost erreicht werden.

Dipl.-Ing. Sabine BotterbrodtIm Anschluss an die Vorstellung der neu zugelassenen Weizen- und Roggensorten stellte Dipl.-Ing Sabine Botterbrodt (Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e.V., Detmold) Mengen und Qualitätsdaten der neuen Ernte aus einigen europäischen Nachbarländern vor. Die Daten und Ergebnisse, die Frau Botterbrodt zusammenfassend darstellte, wurden ihr überwiegend aus Frankreich, Polen, der Tschechischen Republik und Österreich sowie Ungarn zur Verfügung gestellt.

Sabine Botterbrodt ging u.a. auf das Getreideaufkommen in allen 27 Mitgliedstaaten (lt. Prognose der EU-Kommission) ein. Nach vorläufigen Ergebnissen betrug das Getreideaufkommen ca. 279 Mio. t, was einer Zunahme von 3 Mio. t oder  einem  Plus von 1,2 % gegenüber dem Vorjahresniveau bedeutete. Mit dem Stand vom 01.09.11 war die Getreideernte ist in vielen Mitgliedstaaten noch nicht abgeschlossen.

Die spezifischen Wetterbedingungen, nach der Frühjahrstrockenheit und Temperaturen über dem Jahresmittel und dem teilweise Mitte Juni einsetzender Starkregen sowie verhältnismäßig niedrigen Temperaturen, wirkten sich negativ auf die Erntemengen in den Haupterzeugerländern aus.

Die Getreideanbaufläche der EU-27 Staaten waren lt. Schätzung gegenüber dem Vorjahr leicht erhöht: + 0,5 % (57,2 Mio. ha). Der Maisanbau wurde auf 8,7 Mio. ha ausgeweitet, hauptsächlich in Ungarn und Rumänien. Ernten unter dem Vorjahresniveau wurden in Frankreich und Italien verzeichnet. Flächenrückgänge zeigte insbesondere der Hartweizen (- 8,8 %) und Roggen ( - 2,9 %). Die Anfangsbestände der EU-Getreidebilanz 2011/12 lagen unter dem Vorjahr. Nach Einschätzung der EU-Kommission kann der Bedarf an Brot- und Futtergetreide durch das eigene Aufkommen und den üblichen Importen gedeckt werden. Das verfügbare Aufkommen von rd. 331 Mio. t steht einem Verbrauch von ca. 272 Mio. t. gegenüber. Die Interventionsbestände sind reserviert für die Bedürftigenhilfe 2012.

Dr.-Ing. Klaus MünzingDr.-Ing. Klaus Münzing (MRI, Detmold) berichtete über ersten Erfahrungen aus Mühlen- und Handelsmustern der Weizen- und Roggenernte 2011.

Dr. Münzing erläuterte die heimischen Weizen- und Roggenbestände, die teilweise durch deutlich geringere Kornerträge aufgrund der ungewöhnlichen Witterungsbedingungen in der vergangenen Vegetationsperiode 2010/11 gekennzeichnet sind. Bei Roggen sind die diesjährigen Erntemengen im Vorjahresvergleich nach der vorläufigen Erhebung der BEE um fast 15 % gesunken, dagegen bei Weizen um fast 4 %. Insbesondere im Roggen-Haupterzeugerland Brandenburg sind Ertrag und Menge um ca. 28 % bzw. 29 % gemindert. Zu den Fünf-Jahresmittelwerten beträgt der Mengenrückgang bei Roggen in Brandenburg 2011 ca. 33%. Gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt sind die Roggenmengen um ca. 25 % zurückgegangen. Der vorläufig geschätzte Brotroggenanteil liegt bundesweit bei ca. 50 %. Im Unterschied hierzu sind die Werte bei Weizen im bundesdurchschnitt weniger drastisch verändert: vornehmlich ertragsbedingt leichte Minderungen um ca. 4 %.

Das MRI am Standort Detmold (Institut für Sicherheit und Qualität bei Getreide) erarbeitet alljährlich zur Ernte umfassende Informationen über sortenreine Korn-, Mahl- und Backqualitäten. Hierzu stellen Mühlen und Mühlenlieferanten heimische Ernteproben zur Verfügung. Die Ergebnisse werden sowohl den Einsendern zur ersten Orientierung mitgeteilt, als auch in allgemeiner Form aufbereitet, um den alljährlichen Wechsel der Mahl- und Backeigenschaften vorzustellen. Somit liegt zu einem denkbar frühen Zeitpunkt nach der Ernte eine aktuelle Übersicht zur Brotgetreidequalität vor, sowohl aus dem konventionellen, als auch dem ökologischen Anbau. Wenige Wochen später wird das Gesamtbild der Deutschen Getreidequalität 2011 durch die statistisch abgesicherte „Besonderen Ernte- und Qualitätsermittlung“ (BEE) abgerundet. Die ersten Ergebnissen der Brotgetreidequalität der Mühlen und Handelsmuster stellte Dr. Münzing umfassend im Rahmen seines Vortrages dar.

Dipl.-Ing. Günter UnbehendDas Backverhalten der Weizen- und Roggenmehle 2011  war das Thema von Dipl.-Ing. Günter Unbehend (MRI, Detmold). Er erläuterte zuerst die analytischen Qualitätsdaten und stellte dann, die Ergebnisse der Backversuche dar. Im Anschluss gab er erste Verarbeitungshinweise für Weizen- und Roggenmahlerzeugnisse.

Als Verarbeitungsempfehlungen für Weizentypenmehle der Ernte 2011 stellte Günter Unbehend dar, dass den untersuchten Weizentypenmehlen aus neuerntigem Getreide nach den bisher durchgeführten Untersuchungen im Mittel nur ein befriedigendes Backverhalten zugeschrieben werden kann. Diese im Vergleich zum Vorjahr negative Veränderung dürfte vornehmlich auf den reduzierten Feuchtklebergehalt zurückzuführen sein. Günstig zu bewerten sind die bei der Teigbereitung mit den Weizenmehlen aus der Ernte 2011 anwendbaren höheren Teigausbeute, wodurch die Frischhaltung der Weizengebäcke verbessert werden dürfte. Die sonstigen Führungsbedingungen bei der Herstellung von Weizen dominanten Backwaren können im Vorjahresvergleich unverändert beibehalten werden.

Die Getreidemahlerzeugnisse aus Roggen der Ernte 2011 lassen bei der Teigbereitung eine im Vergleich zum Vorjahr erhöhte Schüttwassermenge zu, ohne dass es zu veränderten Teigeigen-schaften kommt. An der Sauerteigführung sollten keine Veränderungen vorgenommen werden, da die Führungsempfehlungen zu bekannten Sauerteigführungen darauf abgestimmt sind, Schwan-kungen in der Rohwarenqualität weitgehend selbstregulierend zu kompensieren. Eine erhöhte Aufmerksamkeit ist auf die Endgare zu richten, da eine erhöhte Gärintensität der Roggenteige in einer verminderten Toleranz der Teiglinge auf Gare und in einem verminderten Ofentrieb mündet. Eine Verwendung von helleren Roggenmehltypen kann infolge einer etwas reduzierten Enzymakti-vität zur Verbesserung in der Brotqualität führen. Der Einsatz von handelsüblichen Frischhaltemit-teln oder Guarkernmehl dürfte in diesem Jahr nicht erforderlich sein, sogenannte Brotverbesserer können je nach Zusammensetzung stabilisierend wirken. Zur Herstellung von Vollkornbackwaren kann wie im Vorjahr eine Erhöhung des Grobschrotanteiles zu Lasten des Feinschrotanteiles sowie eine Reduzierung von Brüh- und Quellstückanteilen die Brotqualität verbessern.

Die ausführliche Beschreibung der Qualität der Weizen- und Roggenmahlerzeugnisse der Ernte 2011 sind auch als AGF-Merkblatt Nr. 174 und Nr. 175 bei der AGF e.V. erhältlich.

Nach kurzen Stellungnahmen zur Ernte 2011 stellten sich die nachgenannten Akteure den Fragen des Auditoriums in der sich anschließenden Podiumsdiskussion.

Dr. Rainer Brusche (Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein-Main e.G., Köln) erläutere die Erntesituation aus Handelssicht. Berend J. Erling (Bremer Rolandmühle Erling GmbH & Co.KG), der für den Mühlenverbund der Grainmillers GmbH & Co. KG sprach, stellte nachfolgend den Standpunkt der Müllerei dar. Verarbeitungsempfehlungen zum Umgang mit den Mahlerzeugnissen 2011 in der Bäckerei gab Helmut Vennemann (Uniferm GmbH & Co.KG, Werne) und Dr.-Ing. Klaus Münzing (MRI, Detmold) vertrat die Sichtweise der Wissenschaft.

Das Detmolder Erntegespäch wurde mit einem zusammenfassenden Schlusswort zur Ernte 2011 durch Prof. Dr. Lindhauer beendet.

Die ausführlichen Tagungsnachbetrachtungen der Detmolder Erntegesprächs 2009, 2010 und 2011 finden Sie nachfolgend.

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