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Mit einer App zum Bäcker werden

Können digitale Lernmittel die duale Ausbildung im Handwerk verbessern?

Detmold. YouTube, Facebook und Co. sind für viele Berufsschüler aus ihrem privaten Alltag nicht mehr wegzudenken. Ein alltäglicher Bestandteil der Ausbildung sind sie noch lange nicht. Dabei könnten sie helfen, etwa die Ausbildung zum Bäcker oder zum Bäckereifachverkäufer attraktiver zu gestalten und Inhalte leicht verständlich zu vermitteln. Um sich auf diesen und anderen Gebieten im Lebensmittelgewerbe fortzubilden, kamen rund 85 Berufsschullehrer überwiegend aus dem Bäcker- und Konditorhandwerk aus ganz Deutschland vom 19. bis 21. Februar 2018 zu den Detmolder Studientagen der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung (AGF) und dem Max Rubner-Institut. Schließlich gilt: Mehr Bäcker braucht das Land.

 

Immer weniger Schulabgänger entschließen sich für eine duale handwerkliche Ausbildung. Im Bäckerhandwerk hat sich laut Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks die Anzahl der Lehrlinge zwischen 2008 und 2016 sogar halbiert. Das frühe Aufstehen und die schlechte Bezahlung sind zwei Gründe dafür. Viele Schüler, die es in eine Ausbildung zum Bäcker oder Bäckereifachverkäufer schaffen, brechen ab. Die Ausbildung muss attraktiver werden, sind sich Branchenvertreter einig. Aber wie? Hier sind auch die Lehrer an berufsbildenden Schulen gefragt.

 

Neue Wege in der Ausbildung gehen

Im nordrheinwestfälischen Detmold treffen sich daher seit 1986 Berufsschullehrer, die unter anderem Bäcker und Bäckereifachverkäufer ausbilden. In diesem Jahr fanden die Detmolder Studientage vom 19. bis 21. Februar 2018 zum 32. Mal in Lippe statt. Rund 85 Lehrer informierten sich über neueste Entwicklungen im Lebensmittelgewerbe.

Michael Rothe ist Geschäftsführer Bildung der Bäcker- und Konditoren Vereinigung Nord e.V. (BKV Nord), dem Dachverband für die Bäcker-Innung Hamburg, und Referent der Tagung. Er ist überzeugt: „Wir müssen als Ausbilder und Lehrer umdenken und uns fragen: Ist das, was wir unterrichten, und die Art, wie wir es tun, noch zeitgemäß?“ Die Jugendliche würden zum Beispiel nicht verstehen, dass sie in der Berufsschule lernen, Teigrezepturen zu berechnen, während das im Betrieb vom Backprogramm erledigt wird. Er geht daher ganz neue Wege: Weniger Überstunden, feste Arbeitszeiten und mehr digitale Hilfsmittel gehören dazu. Auch nehme er keine schriftlichen Bewerbungen mehr an. „Die Bewerber kommen zu uns, haben zehn Minuten Zeit, uns zu erklären, warum gerade sie die Stelle bekommen sollten. Dann versuchen wir in zehn Minuten, den Bewerber von uns zu überzeugen. Passen beide Seiten zusammen, können wir den Vertrag sofort unterschreiben“, sagt Rothe. Damit bekämen auch benachteiligte Jugendliche eine realistische Chance. Im aktuellen Ausbildungsjahr habe die BKV Nord die Anzahl der Azubis sogar deutlich steigern können.

 

Integration ist gefragt

Zwar gehen die Lehrlingszahlen insgesamt zurück. Doch der Anteil der Auszubildenden, die aus anderen Ländern stammen, steigt. Das ist eine weitere Herausforderung für viele Lehrer. Sie versuchen, die Inhalte in einer möglichst leicht verständlichen Sprache zu vermitteln. Bei Wörtern wie „Farinogramm“ oder „Sedimentationswertbestimmung“ keine einfache Aufgabe.

Das findet auch die Teilnehmerin Liane Müller, die am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg Essen gehörlose oder hörgeschädigte Schüler unterrichtet: „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem Institut für Textoptimierung in Halle gemacht und viele Texte in einfachem Deutsch verfasst.“ Von der Fortbildung insgesamt ist sie begeistert; sie komme jedes Jahr nach Detmold. „Hoffentlich wird es die Detmolder Studientage noch viele weitere Jahre in dieser Form geben.“ Digitale Lernmittel wie eLearning und Smartphone-Apps seien zwar auch für sie überwiegend berufliches Neuland, aber sie nehme viele spannende Ideen mit.

 

Eine App vom ersten bis zum letzten Ausbildungstag

Spannend ist auch das neueste Projekt in Sachen Digitalisierung des BKV Nord: Gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Forschung entwickelt Rothe eine Smartphone-App, die den Lehrling und den Ausbilder vom ersten bis zum letzten Tag der Ausbildung begleitet und so die gesamte Bäckerausbildung digital abbildet.

Wie digitales und interaktives Lernen in anderen Branchen funktioniert, zeigte Marita Ziegler vom Hörgerätehersteller Kind. Seit 2016 arbeitet sie ehrenamtlich als stellvertretende Vorsitzende des Meisterprüfungsausschusses der Bäcker der Handwerkskammer Hannover. Sie empfiehlt kurze Online-Lern-Videos für die Lernenden zu drehen oder interaktive PowerPoint-Präsentationen selbst zu erstellen. Das genüge vielleicht nicht immer ganz den Ansprüchen der durch Medien wie YouTube an hohe Standards gewöhnten Jugendlichen, sei aber auch mit kleinerem Budget zu leisten.

 

Methodik und Inhalte halten sich die Waage

Neben der digitalen Welt darf bei einer Fortbildung das Analoge und Technische nicht zu kurz kommen. Die Teilnehmer lernten deshalb in vielen Vorträgen Neues über Verkaufstechnologien, neue Ansätzen zur Beurteilung der Backfähigkeit von Weizenmehl, Lebensmitteltechnologie und Qualitätssicherung. In praktischen Workshops zu Themen wir Rheologie, Analytik sowie Besatz und Sensorik testeten die Berufsschullehrer ihre praktischen Fähigkeiten. Auch analog kann also interaktiv sein. Franz-Joseph Klocke ist Lehrer an den Gewerblichen Schulen Donaueschingen im Süden Baden-Württembergs. Er findet die Mischung der Detmolder Studientage aus Praxis, aktuellen Aussagen aus Forschung und Wirtschaft, gelungenen Beispielen anderer Schulen, lehrreich. „Wichtig für mich und meinen Unterricht ist mir, dass sich am Ende Methodik und Inhalte die Waage halten.“ Das ist auch den Detmolder Studientagen sicher gelungen.

 

Fakten zu den Studientagen der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e.V.

Die „Detmolder Studientage“ für Lehrer an berufsbildenden Schulen, werden jährlich von der Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e.V. (AGF) in Zusammenarbeit mit dem Max Rubner-Institut, Institut für Sicherheit und Qualität bei Getreide, veranstaltet. Die Teilnehmer, größtenteils Berufsschullehrer und -lehrerinnen aus dem Bäcker- und Konditorhandwerk, informieren sich dort über neueste wissenschaftliche und praktische Entwicklungen im Lebensmittelgewerbe. Die dreitägige Veranstaltung bietet Vorträge und Praxis-Workshops. AGF-Hauptgeschäftsführer Tobias Schuhmacher: „Die Detmolder Studientage sind die bundesweit einzige Fortbildung dieser Art, die von einer unabhängigen Einrichtung durchgeführt wird. Darauf sind wir stolz.“

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